Review – Welt am Draht restauriert auf Doppel-DVD

18. Februar 2011 – Im Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung trägt sich Professor Henry Vollmer mit schweren und bedrückenden Gedanken, die ihn schier in den Wahnsinn treiben. Er ist der technische Direktor des Simulacron-Projekts. Hier werden in einer simulierten Welt die Konsumgewohnheiten einer repräsentativ verkleinerten Volkswirtschaft ausgewertet, die aus digitalen Einheiten besteht. Diesen Einheiten erscheint die Simulation vollkommen real und sie halten sich selbst- anders als in Disneys jüngerem Computerwelt-Klassiker Tron- für echte Menschen. Dies dient, so die offizielle Prämisse des Instituts, dem Entwurf einer besseren, neuen und menschenwürdigen Welt.

Als sein Vorgesetzter Vollmer unerwartet stirbt wird Fred Stiller, gespielt von Klaus Löwitsch, neuer technischer Direktor. Doch nach Ansicht des Sicherheitschefs des Instituts, Günther Lause, ranken sich Ungereimtheiten um Vollmers Tod, der, wie er sagte, einer ungeheuerlichen Sache auf die Spur gekommen war. Als Lause sich Stiller anvertraut verschwindet er vor dessen Augen spurlos. Stiller ist jetzt sicher, dass irgendetwas nicht stimmt. Die Suche nach der Wahrheit und ein haarsträubendes Verwirrspiel um das Simulacron-Projekt und die immer mehr verschwimmenden Grenzen zwischen Simulation und Realität, dem Oben und Unten beginnen. Stiller ist mehr und mehr auf sich allein gestellt und stolpert immer tiefer in ein ungeheureres Komplott hinein.

Als er herausfindet, dass seine eigene Welt ebenfalls eine Simulation ist, soll Stiller sterben. Er muss ausgeschaltet werden, weil er, wenn er lebt, seine ganze Welt in Gefahr bringt abgeschaltet zu werden. Nur die schöne Eva, die selbst ein Geheimnis verbirgt, kann ihm jetzt noch helfen, denn es gibt für ihn nur einen einzigen Ausweg, nach Oben!

Klaus Löwitsch ist der Daniel Craig der Siebziger Jahre

Obwohl zu Beginn des Films nicht klar ist, dass die Handlung innerhalb einer Simulation spielt, gibt der Film Hinweise darauf. Der Filmwissenschaftler Bernd Perplies nennt dafür beispielsweise die artifizielle Gestik, Mimik und Sprache der Darsteller, die unter Berücksichtigung der Erfahrung mit heutigen Computerspielen tatsächlich als treffende Umsetzung digitaler Wesen erkannt werden können. So verhalten sich die Statisten in manchen Szenen den NPCs aus bekannten Videospielen ähnlich. Diese stehen zumeist teilnahmslos herum bis ein Auslöser sie aktiviert. Klaus Löwitsch ist der Daniel Craig der Siebziger Jahre, und tatsächlich erscheint der Protagonist in diesem Setting streckenweise als James Bond versus Blade Runner in einer Person. Löwitsch spielt den Fred Stiller als wortkargen Womanizer mit dem Körperbau eines Leistungsschwimmers und dem Charme von Schmirgelpapier. Die prallen Vollweiber Barbara Valentin und Mascha Rabben bilden mit ihrer seidigen Geschmeidigkeit einen starken Kontrast dazu. Wenn auch das stereotype Uschi-Obermaier-Nuscheln vermutlich mehr über den erotischen Zeitgeist der Siebziger aussagt, als dass es hilft den Plot des Films zu vermitteln.

Ähnlich wie viele andere deutsche Sci-Fi-Filme dieser Zeit verzichtet Welt am Draht fast völlig auf futuristische Bauten und Accessoires. Die progressive Moderne der 70er ist die Kulisse und bis auf das Kontrollzentrum des Simulacron-Projekts, die realitätenverbindende Schnittstelle mit der Liege, dem Datenhelm und den Kontrollmonitoren, zeigt Welt am Draht nichts, was rein ästhetisch über die Erfahrungswirklichkeit dieser Zeit hinaus in die Science-Fiction verweisen würde. Insbesondere die Nachtclubszene greift jedoch stilistisch bereits der populären Zukunftsdarstellung vor, die Ridley Scott später mit Blade Runner geschaffen hat. Wirklich klasse ist, wie spielend Fassbinder den existenzphilosophischen Stoff des Films vor dem Publikum ausrollt, den die Matrix-Protagonisten indes in vergleichsweise weihevollem Ton und in priesterhaft anmutende Kostüme gekleidet vor- und zurückbeten. Löwitsch sitzt einfach mit freiem Oberkörper lässig beim Frühstück auf der Sonnenterasse und erklärt seinem im Film von Oben verordneten Aufpasser bei Kaffee und Marmeladentoast, dass schon Platon [nach Sokrates versteht sich] die letzte Realität lediglich in der reinen Idee gesehen habe, und erst Aristoteles Materie als passive Nicht-Substanz begriffen habe, die nur durch Denken Realität produziert hat. Womit die existenzphilosophische Grundlage sowohl von Matrix als auch von Welt am Draht weitgehend ausformuliert wäre.

Ist unsere Wahrnemung von höheren Mächten einprogrammiert?

Sind wir selbstbestimmte Individuen? Ist unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit tatsächlich unsere eigene, oder wird sie uns von höheren Mächten einprogrammiert? Die Figuren in Welt am Draht sind ihren Schöpfern von der jeweils höheren Ebene völlig ausgeliefert. Es gibt kein Geheimnis, keinen Gedanken, der nicht auf den Festplatten-Clusterrn des Rechenzentrums Spuren hinterlassen würde. Es existieren kein Aspekt und keine Konstante, die nicht per Knopfdruck gelöscht, erschaffen oder manipuliert werden können. Mit dieser düsteren Zukunftsvision nimmt Welt am Draht viel von der Datensicherheitsparanoia und den heute damit einhergehenden Debatten vorweg. Wohlgemerkt zu einer Zeit als das Informationszeitalter noch gar nicht richtig begonnen hatte.

Die direkte Einflussnahme seitens der Programmierer der nächsthöheren Ebene wird dem Zuschauer durch knisternde elektrische Geräuscheffekte verdeutlicht. Doch auch die Simulationseinheiten selbst sind empfindlich für Eingriffe in ihre Umgebung. So befallen Löwitsch stets rasende Kopfschmerzen, wenn, wie man es von Computerprogrammen kennt, ein Patch eingespielt wird oder ein Update runtergeladen wird. Doch es gibt auch Pannen. Hier stößt man auf stilistische Parallelen zu Matrix. Ein Deja Vu passiert in der Matrix oft dann, wenn die Obrigkeit die Matrix umschreibt, Details in der Umgebung ändert. Solche Wahrnehmungsstörungen ereignen sich gleichermaßen auch in der Welt am Draht. Während Professor Vollmer sich aufmacht um zu sterben, friert sein Freund und Kollege, der Sicherheitschef des Instituts, förmlich ein. Ein Phänomen, dass heute insbesondere bei Onlinepartien auftritt und in Spielerkreisen als Lag bekannt ist.

Fazit: Am Ende des Films im Ziel angelangt

Wie auch in Christopher Nolans Film Inception spielt es am Ende eigentlich gar keine Rolle, ob die Ebene in die der Protagonist gelangt, die wirkliche Welt oder nur eine weitere Vorstufe zur Wirklichkeit ist. Es ist deshalb egal, weil sowohl Di Caprio als auch Löwitsch am Ende- unabhängig davon wie real die Wirklichkeit tatsächlich ist- an ihrem persönlichen Ziel angelangt sind und darin ihren Platz finden.

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-Thorsten Albrecht

Comments
2 Responses to “Review – Welt am Draht restauriert auf Doppel-DVD”
  1. New Yorker sagt:

    Nice reading. I like.

  2. 307Superspaeher sagt:

    Ich mag den Film. Aber ein bissl lang ist er ja schon. Unglaubliche Vorstellung: Jetzt dreht einer ein Remake und macht daraus nen 120 Minuten Film. Unrealistisch wär das nicht.

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